Bukarest: Rumäniens junge Wilde
Dienstag, 15. April 2008
Bukarests Altstadt bricht auf in eine neue Ära: Im Leipziger Viertel bestimmen Designer, Galerien und Cafés die Szene.
Von FOCUS-Online-Autorin Özlem Ahmetoglu
Die neureiche Schickeria der 2-Millionen-Metropole bevorzugt die schnieken Lokale an den Seen im Norden, während die alternative Szene sich Lipscani zum Zentrum auserkoren hat. Morbide wirkt die Altstadt – und sehr schön dabei. Die Jahrzehnte der Diktatur haben sichtbare Spuren an den prachtvollen Häusern und Stadtvillen hinterlassen – sie verfallen schleichend, aber mit Grandezza. Erstaunlich ist vor allem der Mix aus den verschiedensten Baustilen der vergangenen Jahrhunderte, von Barock über Neoklassizismus bis Bauhaus. In diesem historischen Handelsviertel bricht derzeit eine neue Ära an, die junge Szene übernimmt das Regiment mit Cafés, Shops, Boutiquen und viel Nightlife.
Alle Trendreports auf einen Klick Auf Brücken und Stegen unterwegs in Lipscani
Die noch frischen, kreativen Energien der Metropole scheinen sich in den kleinen Straßen und Gässchen rund um die Strada Lipscani fast zu materialisieren. Die Restaurierung des Viertels ist im Gange und ganz Lipscani im Aufbruch, im wahrsten Sinne des Wortes. Viele Straßen werden komplett erneuert, sind aufgerissen und nur über Holzstege und Brücken zu begehen. Die Arbeiten ziehen sich hin – archäologische Funde haben für Zeitverzögerungen gesorgt. Autos dürfen die wenigen noch intakten Straßen nicht passieren. Zu Fuß ist man aber sowieso am besten unterwegs. Eine Entdeckungstour offenbart ein authentisches, junges Bukarest.

(Foto: Archäologischer Fund im Lipscani-Viertel)
Frische Konzepte für die morbide Altstadt
Die erste und beste Adresse für eine Tour zu den angesagten Plätzen ist Market 8, Bukarests erster Concept Store, der eine trendy Kombination aus Design, Style, Food, Photo, Music, Books, News anbietet. Im Laden können Gäste in Coffee-Table-Books blättern, ein Gefühl für Rumäniens neue Kulturszene bekommen und danach auf der bepflanzten Terrasse bei Sandwiches und Cappuccino entspannen. Ein paar Hundert Meter weiter, in der Hanul cu Tei, verkaufen Kunsthandlungen Werke junger, rumänischer Kreativer. Eine der modernen Adressen der Galerie-Straße ist beispielsweise die HT003 Gallery mit ihren wechselnden Ausstellungen.
Apropos kreatives Shopping: In der oberen Etage eines historischen Hinterhofs – einst waren hier die Glasmacher von Lipscani beheimatet – befindet sich Bukarests coolste Fashion-Adresse, der Rozalb de Mura Store. Die Kreationen von Rozalb de Mura tragen eine ganz spezielle Handschrift, die er mit „contemporary bourgeois chic“ umschreibt. Der aufstrebende Modemacher teilt sich den verspielt eingerichteten Showroom mit den rumänischen Jungdesignern Ana Alexe, Carmen Secareanu, Ana Maria Lungu und Kuki Constantinescu. Die Kreationen des Mode-Teams wirken auf den ersten Blick reduziert, erst beim zweiten Hinsehen und Anprobieren offenbaren sich viele kleine Besonderheiten, schräge Schnitte, besondere Stoffe, unvermutete Knöpfe und Reißverschlüsse.
Ein paar graffitibesprühte Häuser weiter liegt der „Club Suburbia“, die beliebteste Adresse bei Studenten und allen, die extrem laute Live-Musik zu schätzen wissen. Eher alternativ ist auch das Publikum in der „Terasa La Ruine“, einem Biergarten, der neben einer verwachsenen und ebenfalls graffitiverzierten Ruine liegt. Auch die Pasajul Macca-Villacrosse beginnt sich in der Dämmerung zu füllen: Die gläsern überdachte Straße beherbergt kleine französische Bistros und das bekannte „The Blues Café“, die Passage ist außerdem für einen weiteren Trend bekannt: Man kann dort Wasserpfeife rauchen.
Zeitgenössisches Design für die Business-Elite
Wer sich eher von zeitgenössischem Design angesprochen fühlt, macht einen Abstecher ins In-Restaurant „La Mandragora“ oder ins „Café Klein“ in der ersten Etage des Boutiquehotels „Rembrandt“. Im Nachbarhaus des Hotels legen an den Plattentellern der durchdesignten „Loggia“ Elektro-DJs auf. Über der jungen Business-Elite der Stadt, die sich hier gerne nach getaner Arbeit auf Drinks trifft, wölben sich Rundbögen und hohe Decken, die von Marmorsäulen getragen werden: Die heutige Bar war früher die repräsentative Empfangshalle der Schweizer Bank. Die Nacht ist noch lang, Fortsetzung folgt im nahen „Club Embryo“, den offensichtlich ein fähiger Designer gestaltet hat. Das Interieur ist reduziert, cool und organisch geformt. Die jungen Rumänen lassen sich von der futuristischen Architektur nicht beeindrucken und feiern nach alter Tradition: laut, lange und wild.
Quelle: Focus
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